Adriaan van Dis: „Nathan Sid“

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Die 1983 erschienene Novelle Nathan Sid des 1946 geborenen, niederländischen Schriftstellers Adriaan van Dis (deutsche Erstausgabe 1988, Übersetzer: Siegfried Mrotzek) ist von betörender Schönheit.

Da schreibt ein Erwachsener das Buch der eigenen Kindheit, gibt seiner Einsamkeit, seiner Traurigkeit, seiner Verlorenheit Raum, viel Raum, und versteht es doch, in luftig geschriebenen Kapiteln so etwas wie eine frohe Erinnerung aufzunotieren. Das ist zauberhaft, gerade weil die Kindheitsbilder nicht zuckersüß sind, keine Madeleines de Proust! Sie neigen nicht zur Verklärung, sondern sind sauer, sind gallig. Im wörtlichen Sinne, denn der an Hautausschlägen leidenden Junge wird mit Ochsengallenseife, Zitronensaft und Essigwasser gereinigt. Ma Sid, die fürsorgende Mutter, singt dazu die Verse:

Saures reinigt, Saures peinigt.
Saures im Blut, Saures gegen Eiter,
Saures gegen Furunkel, Karbunkel,
Saures kratzt nicht weiter.

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Ervina Halili: „Der Schlaf des Oktopus“

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Schwanenhals und schwarzes Haar
Ervina Halilis Gedichte im Schwebezustand zwischen Traum und Tiefschlaf

In dem in der Edition Korrespondenzen, Wien 2016, herausgegebenen Gedichtband Der Schlaf des Oktopus der 1986 in Prishtina/Kosovo geborenen Lyrikerin Ervina Halili sind Träume allgegenwärtig. Und diese Traumwelten werden gefüllt mit einer sich wiederholenden Kulisse, die mich dazu verführt, fälschlicherweise an Gemälde von Marc Chagall zu denken (ich Pirouette einer vom Wolkenkratzer gefallenen Ballerina, aus: Ode an mich selbst), die ich aus einer lang zurückliegenden Erinnerung in meinem Gedächtnis aufrufe und die Figuren, Menschen, Tiere, die Natur und die vom Menschen geschaffene Umwelt mit schwebender Leichtigkeit erlebe, für einen kurzen Moment, bis sie verschwinden und nicht mehr greifbar sind.

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Xavier Zimbardo und Bindeshwar Pathak: „Angel of Ghost Street“

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War das indische Holi-Fest noch vor einigen Jahren nur wenigen in Europa bekannt, entwickelt es sich nun von einem hinduistischen Frühlingsfest zu einer Fun-Veranstaltung für jedermann, der bereit ist, 27,99 Euro für ein Ticket und fünf Farbbeutel auszugeben. Entsprechende Angebote, absichtlich nicht verlinkt, unter holifestival.de oder holi-gaudy.com.

Ein Fest, das das Ende des Winters markiert und in einem Farbrausch endet, der, so hören wir in Europa, das Kastensystem für einen Tag überwindet und alle Menschen gleich (bunt) macht.

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Hanne F. Juritz: „Ein Wolkenmaul fiel vom Himmel“

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Ein Lyrikband aus dem Jahr 1978 fiel mir aus dem Bücherregal im Prettlackschen Gartenhaus entgegen: Hanne F. Juritz, eine hessische Kollegin des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS), von 1978 – 1982 Vorstandsvorsitzende des VS Hessen.

Mit Ein Wolkenmaul fiel vom Himmel las ich zum ersten Mal Gedichte der 1942 in Straßburg geborenen Dichterin. Und dieser erste Einblick verdeutlichte einmal mehr, wie zeitlos gute Lyrik ist, wie sie sich Zeitläufen und Zeitströmungen verweigert, im Gegensatz zur Covergestaltung!

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Joshua Doder: „Grk ist nicht zu fassen“

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Unversehens wachsen Kinder aus dem Vorlese- und Leselernalter heraus. Plötzlich lesen sie selbst und ehrlich gesagt: wir Eltern sind darüber heil froh. Wissen wir alle um die Bedeutung des Vorlesens, dieser Phase der Lesebegleitung, so begrüßen wir ebenso sehr diese Autonomie, auch wenn wir dann keine Ahnung mehr haben, was die Kinder lesen. Bestenfalls kennen wir die bunten Cover und die Ratschläge der Buchhändlerin, die Kinderbücher in lebhaften Worten zu empfehlen vermag. Welcher Erwachsene liest freiwillig ein Kinderbuch?

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9. Europäisches Poesiefestival in Frankfurt am Main

Vom 19. – 21. Mai 2016 fand das 9. Europäische Poesiefestival mit dem Schwerpunkt italienische Poesie statt.

Eingeladen waren Ferruccio Brugnaro, Corrado Calabrò, Pino de March, Laura Cecilia Garavaglia, Vincenzo Guarracino (Italien), André Ughetto (Frankreich), Diego Valverde Villena (Spanien), Klára Hůrková (Tschechien), Małgorzata Płoszewska (Polen), Lisa Mazzi, Ursula Teicher-Maier, Barbara Zeizinger und Eric Giebel (Deutschland).

Víctor Rodríguez Núñez: „Mit einem seltsamen Geruch nach Welt“

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yo soy un tojosista / ich bin ein dichter der sperlingstauben

Columbina passerina, das Sperlingstäubchen, ist ein sehr kleiner Vertreter seiner Familie, der in Süd-, Mittel- und im südlichen Nordamerika anzutreffen ist. Udo Kawasser, der gemeinsam mit dem kubanischen Dichter Núñez für den vorliegenden Band Mit einem seltsamen Geruch von Welt aus neun Gedichtbänden zwischen 1979 und 2011 die Auswahl getroffen und die Gedichte ins Deutsche übertragen hat, fragte den Autor bei der Lesung auf der Leipziger Buchmesse am 20.3.2016, was hinter dieser Metapher steckt.

Rezension auf fixpoetry.

 

Kogge-Literaturforum Kloster Himmerod, 04.-08.05.2016

Die KOGGE ist eine Europäische Autorenvereinigung, die im Frühjahr ihre Mitglieder und Gäste in die Eifel zum Gedankenaustausch, zum Schreiben und zum öffentlichen Lesen einlädt. Dieses Jahr bin ich zum dritten Mal nach 2013 und 2014 im Kloster Himmerod.

Im Rahmen des diesjährigen Treffens lese ich am Mittwoch 4.5.2016 um 20 Uhr in der Akademie Kues, Adresse: Stiftsweg 1, 54470 Bernkastel-Kues, mit Kolleginnen und Kollegen zum diesjährigen Tagungsthema: Innenbilder, was um uns ist, ist in uns. Der Abend wird moderiert von Bernd Kebelmann (Berlin) und am Cello begleitet von Gunilda Wörner (Darmstadt).

Am Freitag 6.5.2016 um 20 Uhr folgt dann die Konzert-Lesung in der Abteikirche Himmerod mit Reinhold Schneck an der Orgel. Die Moderation übernimmt Ursula Teicher-Maier (Dieburg).

Bei beiden Lesungen werde ich unveröffentlichte Lyrik vorstellen.

György Dragomán: „Der Scheiterhaufen“

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Endlich mal ein Buch, das sich nicht über eine mangelnde Wahrnehmung und Anerkennung durch das deutsche und deutschsprachige Feuilleton zu beklagen braucht!

Einen Rezensionüberblick des 2015 auf Deutsch veröffentlichten Romans „Der Scheiterhaufen“ (Übersetzung: Lacy Kornitzer) des 1973 in Târgu-Mureş (Siebenbürgen, Rumänien) geborenen, der ungarischen Minderheit zugehörigen Autors György Dragomán, findet sich bei Perlentaucher.

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Hessische Literaturtage in Rüsselsheim, 19.-23.04.2016

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In Rüsselsheim finden im April die Hessischen Literaturtage statt. Am Mittwoch, den 20. April 2016 stelle ich in einem gemeinsamen Prosaabend mit den Kolleginnen und Kollegen Barbara Zeizinger, Maria Knissel und Alexander Pfeiffer meine Erzählung „Im roten Sand“ vor. Die Veranstaltung findet bei den Königstädter Bücherfreunden e.V., Im Reis 29, Rüsselsheim-Königstädten statt. Veranstaltungsbeginn: 19:30 Uhr.

Komplettes Programm der Hessischen Literaturtage: hier.

Literaturzeitschrift alba 08: „Literatura chilena emergente / Aufstrebende chilenische Literatur“

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In der Rezension zu Antonia Torres: Umzug – Mudanza habe bereits über die Literaturzeitschrift alba. lateinamerika lesen gesprochen. Die Ausgabe alba 08 widmet sich der zeitgenössischen chilenischen Literatur und bietet mit einer Sammlung von Kurzprosa, Romanausschnitten, Lyrik sowie Interviews und literaturhistorischen Essays eine kompakte Annäherung an die Literatur dieses südamerikanischen Landes.

Die Mehrzahl der 28 Autorinnen und Autoren sind in den siebziger oder achtziger Jahren geboren. In annähernd allen Beiträgen wird die Erinnerung beschworen. Es wird auch dem Außenstehenden deutlich, wie die chilenische Gesellschaft durch die Pinochet-Diktatur unterjocht wurde.

Ich werde anhand einiger Textbeispiele aufzeigen, wie dieses belastete Erbe durch die junge Generation verarbeitet wurde. Doch zuvor möchte ich Benjamin Loy, verantwortlicher Redakteur von alba 08 und Übersetzer mehrere Texte in dieser durchgängig zweisprachigen Ausgabe, fragen, wo er Unterschiede im Umgang mit dem totalitären Erbe erkennt. Er schreibt mir:

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Lesung in der Klosterpresse, Frankfurt am Main, 07.04.2016, 20:00 Uhr

Eric Giebel: Quecksilber in Manteltaschen   ericgiebel_imrotensand_final

Am 7. April 2014, 20 Uhr lese ich in der Klosterpresse im Frankensteiner Hof, Paradiesgasse 10, Frankfurt am Main. Die Lesung steht unter dem Motto Gegen-Satz. Ich lese sowohl Lyrik aus „Quecksilber in Manteltaschen“ als auch Prosa „Im roten Sand“ und beleuchte dabei meine Herkunftsfamilie einmal von der mütterlichen, einmal von der väterlichen Seite. Eintritt frei.